Vom Segeln im Tidenrevier

von Ursula Meer am 04.11.2019 / in Allgemein

Viele beeindruckt es, manche fürchten es gar. Es kann ja auch in einem zweiwöchigen Urlaub einen permanenten Gezeitenjetlag mit sich bringen. Mal um vier Uhr morgens ablegen, mal um 17 Uhr am Abend. Wir können, stramm am Wind gen Norden segelnd, längst südlich geglaubten Tonnen erneut begegnen und feststellen: Akkurat rückwärts segeln geht auch, bringt uns nur nicht weiter.
Es kachelt ringsum, das Inselhopping auf den ostfriesischen Inseln wird zusehends kleiner und mehr von Schutz- als von Erholungssuche geprägt. Hooksiel, Wangerooge, Spiekeroog. Abwettern des Wochenendsturms wieder in Hooksiel.

„Orientierung im Nahraum“ könnte die Überschrift des geplant weiten und dann sehr eingedampften Törns auf die ostfriesischen Inseln sein.

Aber Wiederholung ist Übung, und Übung ist ja auch wichtig. Also noch mal los auf die Inseln, tidenbedingt mit Zwischenstopp. Der Prickenweg nach Horumersiel foppt mich immer wieder. Meist übersehe ich eine der Pricken und muss dann hastig mal eben eine Kurve einlegen. Manche sind aber auch nur noch Ministummel; offensichtlich haben sich hier auch schon andere in Nahprickenerfahrung geübt oder sich ein Souvenir des ersten Nordseetörns in die Backskiste gesteckt.
Hilka, die gute Hafenmeisterin, weist uns eine bequeme Box zu; ein lauschiger, windstiller Abend erwartet uns.
Langsam verschwinden die Dächer der zahlreichen Wohnmobile auf dem Hafenparkplatz am Horizont und wir wissen: irgendwann zu nachtschlafender Zeit wird unser Kiel im Schlick versinken. Schiffsthalasso oder: wenn du das Klo noch benutzen möchtest, dann jetzt. Die Nacht ist schön und folglich kurz, was zu einer Verkettung unseliger Begebenheiten am Folgetag führt. Beim Ablegen verknotet sich die Achterleine mit der Klampe. Vorwärts eingekuppelt liegen wir an der Spring dennoch sicher. Beim lösen des Knotens in der Achterleine jedoch löst sich die Spring ebenfalls und das Schiff sucht Stegberührung. Ohne Schaden, aber dennoch bleibt dieses Grundgrummeln des „wie konnte das denn jetzt passieren?“ Einerlei, raus in den Prickenweg, Wangerooge ruft. Dort draußen geht die Strömung der dritten Tidenstunde, da geht was, und das geht quer. Schwups werden wir versetzt und sitzen seitlich an der Wattkante. Wieder doof, weil eigentlich bekannt. Der Not-Heckanker wird klariert, während das Schiff mittels Ruder und Maschine freikommen soll. Allein: beim Gasgeben tut sich nichts. Die dunkle Wolke Legerwall zieht schnell auf. Der Anker sinkt und zeitgleich wird erkannt: die Leine muss beim Klarieren den Gaszug betätigt haben. Das ist für den Motor nach ja denn auch keine verwertbare Information. Also wieder rein mit dem Gaszug und weiter. Ach ja, der Anker derweil… er hat nicht gegriffen und kann bei langsamer Fahrt geborgen werden.
Bei einem satten Vierer mit kacheligen Böen aus Südwest und auflaufendem Wasser baut sich in der Jade wieder die unschöne Hackwellen-Stromversetzungskombination auf, die die Ruhe im Watt herbeisehnen lässt. Allein: der Wind lässt auch das Wattenmeer schäumen. Gegen Wind und Welle spritzt die Gischt ins Cockpit, dass es schon Art hat. Froh, nach einigen Salzwasserduschen Wangerooge erreicht zu haben, machen wir längsseits fest. Wie sollte es an einem Tag wie diesem auch anders sein: eine satte Böe drückt uns gegen den Steg und die Fender in die Luft und macht dann doch den Winterlager-Gelcoatauftrag-und-Nassschleifschaden, den ich „lernen durch Schmerzen“ taufe. 🙄
Kaum festgemacht und halbwegs klariert, kommt wieder mal ein fetter Regenschauer längsseits. Eine weitere selbstverschuldete Unverschämtheit krönt diesen Tag, als beim Schließen der Kuchenbude Wasser kalt und schleichend vom Handgelenk bis zu den Achseln durch den Ärmel läuft. Am Ende retten der erfrischende und höchst patente Hafenmeister und die warme Dusche mit Wattenmeerblick den Tag. Aber sagte ich schon, dass ich unser Revier liebe? Für jemanden wie mich, der nicht gerade zu den Silberrücken unter den Wattenseglern gehört, wartet es immer wieder mit Überraschungen auf, die wechselweise und je nach Tagesform das Herz höher schlagen oder in die Hose sacken lassen. Traumhafte Stille oder wie heute rauschende Winde, das Wechselspiel des Lichts von Pastell über strahlend Orange gepaart mit Azurblau bis zu graugrün. Ungeschickt geplantes Motortuckern oder sanftes Absegeln der Prickenwege. Neugierige Seehunde und tiefenentspannte Kormorane, die die Tonnen bewachen. Ruckelnde Wellen am Rumpf, die höflich weichen und Nachtruhe im Wattenschlick erlauben. Paddellig zuwege sein ist nicht optimal, aber den Verstand gut eingesetzt, bietet es wunderbare, tief in der Erinnerung steckende Erlebnisse.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.